Bücher archiviert – Spiele ignoriert?
Spiele sind gestaltete Kultur wie Bücher – nur landen
sie bisher nicht im Regal der Deutschen Nationalbibliothek. Dabei sind Würfel, Karten und Spielpläne längst ebenso Erzählmedien wie bedrucktes Papier.
Bücher gehören selbstverständlich in die Deutsche Nationalbibliothek. Sie sind Ausdruck von Kultur, Spiegel ihrer Zeit und ein Schatz für kommende Generationen. Doch was ist mit Spielen? Auch sie erzählen Geschichten, allerdings nicht mit Sätzen und Absätzen, sondern mit Würfeln, Karten, Spielfeldern und Regeln. Spiele sind gestaltete Kulturprodukte, die – wie Bücher – von Autoren erfunden, von Illustratoren bebildert und von Verlagen verbreitet werden. Und doch: Während vom Roman aus der Feder von Goethe bis hin zur jüngsten Fantasy-Saga alles in Leipzig und Frankfurt archiviert wird, sucht man „Carcassonne“, „Catan“ oder „Mensch ärgere dich nicht“ dort vergeblich.
Warum Spiele außen vor bleiben
Das ist nicht nur eine kulturpolitische Lücke, sondern auch ein handfester Nachteil für die Branche. Denn Spieleautoren bleiben von der Bibliothekstantieme ausgeschlossen, die für Schriftsteller selbstverständlich ist. Seit Jahren fordert die Spiele-Autoren-Zunft, dass analoge Spiele in den Sammlungskatalog aufgenommen werden – unterstützt vom Deutschen Kulturrat. Selbst im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung von 2021 war dieses Vorhaben bereits festgeschrieben. Doch umgesetzt wurde es bis heute nicht.
Dabei ist längst anerkannt, dass Spielen mehr ist als „Kinderkram“. 2025 wurde das Spielen von Brettspielen in die deutsche Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Allerdings mit einer entscheidenden Einschränkung: Gewürdigt wird der Akt des Spielens, nicht die Spiele selbst. Mit anderen Worten: Die Partie „Carcassonne“ am Küchentisch gilt als Kulturerbe, das Spiel „Carcassonne“ als Produkt aber nicht. Ein Unterschied, der die Branche zu Recht irritiert.
Ein Platz im kulturellen Gedächtnis
Das Problem ist vielschichtig. Politisch wird Spielzeug noch immer vor allem als Konsumware gesehen, mit vergleichsweise kleinem Wirtschaftsfaktor. Keine Milliardenumsätze wie bei Games, keine Großkonzerne mit Zehntausenden Angestellten. Doch gerade das macht die Spielwarenkultur so spannend: Hier entsteht Kreativität im Kleinen, hier wird Kultur in Handarbeit erfunden. „Spielzeug ist Transformation von Materie zu Geist“, sagt Karin Falkenberg, Direktorin des Spielzeugmuseums Nürnberg. Wer ein Spiel entwirft, erzählt eine Geschichte – nicht auf Papier, sondern in Interaktionen.
Die wirtschaftliche Schieflage verstärkt die Ungleichbehandlung. Während die Games-Industrie 2024 stolze 144 Millionen Euro an Bundesförderung einstreichen konnte, schaut die analoge Spielwarenwelt in die Röhre. Kein Forschungsbudget, kein Förderprogramm, kein offizieller Kulturgut-Status. Dabei bilden Brett- und Gesellschaftsspiele eine lebendige Szene mit globaler Ausstrahlung: 200.000 Besucherinnen und Besucher auf der SPIEL in Essen, dem weltweit größten Event für analoge Spiele, sprechen eine deutliche Sprache.
Die Aufnahme in die Deutsche Nationalbibliothek wäre mehr als nur ein symbolischer Akt. Sie würde die kulturelle Bedeutung des Spiels untermauern, die Autoren absichern und Forschung ermöglichen. Es geht um Sichtbarkeit und um den Platz im kulturellen Gedächtnis der Nation. Oder, um es in der Logik des Spiels zu formulieren: Bücher haben ihren festen Platz auf dem Spielplan der Kultur – jetzt ist es höchste Zeit, dass die Spiele nachziehen dürfen.
