Das Weihnachtsgeschäft beginnt im Chat
Von Patricia Winkler
Das Weihnachtsgeschäft gehört zu den verlässlichsten Ritualen des Handels. Ab September werden Schaufenster dekoriert, Weihnachtskataloge verschickt und Bestsellerlisten veröffentlicht. Im Spielwarenhandel beginnt dann die wichtigste Beratungszeit des Jahres. Eltern, Großeltern, Paten und Freunde suchen Orientierung, vergleichen Produkte und fragen nach Empfehlungen. Jahrzehntelang begann dieser Prozess im Geschäft, im Katalog oder über Suchmaschinen. Heute startet er immer häufiger mit einer Frage an einen KI-Assistenten.
„Welches Geschenk eignet sich für ein siebenjähriges Kind, das Dinosaurier liebt?“ oder „Welches Gesellschaftsspiel macht einer Familie mit Kindern zwischen acht und zwölf Jahren Spaß?“ – statt sich durch zahlreiche Webseiten zu klicken, erwarten Verbraucher heute eine konkrete Empfehlung mit Begründung. KI-Assistenten liefern genau das: Sie berücksichtigen Alter, Interessen, Budget oder Anlass und schlagen passende Produkte vor. Damit verändert sich nicht nur die Produktsuche. Es verändert sich der Einstieg in die Kaufentscheidung.
Erste belastbare Hinweise auf diese Entwicklung lieferte bereits das Weihnachtsgeschäft 2025. Nach Daten von Salesforce wurden weltweit rund 20 % der Online-Umsätze im Zeitraum vom 1. November bis 31. Dezember durch KI- und Agenten-Kontakte beeinflusst – ein Volumen von 262 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig zeigte sich, dass Besucher aus KI-Suchkanälen deutlich häufiger kauften als Besucher aus sozialen Netzwerken. Wer eine KI nach einem Produkt fragt, hat häufig bereits eine konkrete Kaufabsicht und sucht weniger Inspiration als vielmehr Entscheidungshilfe.
Die neue Kaufentscheidung
Auch OpenAI entwickelt ChatGPT konsequent in diese Richtung weiter. Im Mittelpunkt stehen heute Produktsuche, Vergleiche und Empfehlungen. Der eigentliche Kauf erfolgt weiterhin beim Händler bzw. über die jeweils unterstützten Kaufprozesse. Für Hersteller und Handel verschiebt sich damit ein Teil des Wettbewerbs. Nicht mehr ausschließlich das beste Regal, die attraktivste Schaufensterdekoration oder die erfolgreichste Google-Anzeige entscheiden darüber, welche Produkte wahrgenommen werden. Immer häufiger fällt die erste Auswahl bereits im Chat.
Das verändert die Customer Journey. Früher suchten Kunden nach einem Produkt und verglichen anschließend verschiedene Angebote. Heute lassen sich viele zunächst passende Produkte empfehlen und entscheiden erst danach, welchen Händler sie besuchen oder bei wem sie bestellen.
Warum KI überzeugt
Der Erfolg überrascht kaum. Ein Geschenk zu finden, gehört zu den anspruchsvollsten Kaufentscheidungen überhaupt. Alter, Entwicklungsstand, Interessen und Budget müssen zusammenpassen. Gleichzeitig möchte niemand danebenliegen. Genau hier spielen KI-Assistenten ihre Stärken aus. Sie stellen Rückfragen, vergleichen Alternativen und erklären ihre Empfehlungen. Das spart Zeit und vermittelt Sicherheit. Die erste Beratung findet damit für viele Kunden bereits statt, bevor sie ein Geschäft betreten oder einen Onlineshop besuchen. Der Fachhandel wird dadurch nicht ersetzt. Persönliche Beratung, Produkterlebnis und Vertrauen bleiben wichtige Stärken. Der Weg dorthin beginnt jedoch immer häufiger digital.
Jetzt handeln
Die gute Nachricht lautet: Sichtbarkeit in KI-Systemen lässt sich beeinflussen – allerdings anders als bisher. OpenAI weist darauf hin, dass Produktempfehlungen keine Anzeigen sind. Berücksichtigt werden u. a. Relevanz, Produktdaten, Preis und Bewertungen. Für Hersteller bedeutet das vor allem eines: Produktinformationen werden wichtiger. Altersangaben, Material, Spielwert, Lernziele, Sicherheitshinweise oder Batteriebedarf helfen einer KI deutlich mehr als allgemeine Werbeaussagen wie „riesiger Spielspaß“ oder „das perfekte Weihnachtsgeschenk“.
Ebenso wichtig sind aktuelle Produktseiten, hochwertige Bilder, verständliche Beschreibungen, seriöse Testberichte und gepflegte Bewertungsprofile. Je besser ein Produkt digital beschrieben ist, desto besser kann ein KI-Assistent dessen Eigenschaften einordnen und mit der Anfrage eines Kunden abgleichen. Ein einfacher Selbsttest zeigt schnell, wo das eigene Unternehmen steht. Fragen Sie ChatGPT nach einem Geschenk für eine bestimmte Zielgruppe – beispielsweise einen siebenjährigen Dino-Fan oder ein kreatives Mädchen im Grundschulalter. Tauchen Ihre Marke oder Ihre Produkte nicht auf, lohnt sich ein kritischer Blick auf die eigene digitale Sichtbarkeit.
Der Vorteil des Fachhandels
Trotz aller technischen Entwicklungen bleibt ein entscheidender Vorteil bestehen: Keine KI beobachtet Kinder beim Spielen. Kein Sprachmodell erlebt täglich, welche Neuheiten Begeisterung auslösen, welche Produkte im Regal liegen bleiben oder welche Empfehlung Eltern am Ende tatsächlich überzeugt.
Dieses Erfahrungswissen besitzt der Fachhandel. Es ist über Jahrzehnte entstanden – im persönlichen Gespräch mit Familien, beim Vorführen von Produkten und durch die unmittelbare Rückmeldung der Kunden. Genau dieses Wissen wird künftig noch wertvoller, wenn es digital verfügbar gemacht wird. Denn die erste Frage vieler Kunden wird künftig nicht mehr im Geschäft gestellt, sondern im Chat. Wer dort sichtbar sein möchte, muss seine Produkte so beschreiben, dass sie nicht nur Menschen, sondern auch KI-Systeme verstehen. Das Schaufenster der Zukunft steht deshalb nicht nur in der Fußgängerzone. Es öffnet sich überall dort, wo Kunden ihre erste Frage stellen. Wer im Weihnachtsgeschäft 2026 in den Antworten der KI erscheinen möchte, sollte seine digitalen Hausaufgaben bereits jetzt erledigen.

Patricia Winkler
Patricia Winkler, CEO von aivory, unterstützt Unternehmen mit dem „KI-Führerschein“ und Coachings bei der nachhaltigen Integration von KI.
Mehr unter: aivory.club
