Entscheidend ist das Wohl der Kinder
In der Spielwarenbranche dominieren globale Vermarktungsstrategien. Im harten Wettbewerb um Marktanteile gelten Kinder vor allem als kaufkräftige Zielgruppe. Das war anders, als Mitte des 19. Jahrhunderts die Reformpädagogik entscheidenden Einfluss auf das Spielwarengeschäft ausübte.
Von Tassilo Zimmermann
Pädagogisch wertvoll – auf dieses Image ist die Spielwarenbranche besonders stolz, wenn es um die Beschreibung ihrer Daseinsberechtigung geht. Sie schmückt sich geradezu mit diesem Image. Und sie schmückt sich gerne mit Kindern, beispielsweise, wenn es um die Präsentation von Neuheiten geht. Mehr als niedliche Staffage für PR- und Medienleute sind sie meistens nicht, etwa bei der jährlichen gemeinsamen Branchen-Pressekonferenz von Handel und Industrie. Beschäftigt sich die Branche überhaupt direkt mit ihrer Zielgruppe?
Eher selten. Denn Marktforschung bringt zwar interessante Ergebnisse. Diese beruhen meistens aber auf statistischen Erhebungen und Auswertungen. Der Blick in die Kinderseelen ist Marktforschern allerdings notwendiger- und glücklicherweise verwehrt. Denn dazu bedürfte es einfühlsamer pädagogischer Expertise von ausgewiesenen Fachleuten, die aber heutzutage in der Branche kaum noch nachgefragt wird.
Ganzheitliche Konzepte
Da waren im ausgehenden 19. Jahrhundert Branchenpioniere wie etwa Otto Maier, der 1883 Ravensburger gründete, viel weiter und vor allem offener. Maier und andere erkannten den Wert der damals bahnbrechenden Ideen der Reformpädagogik und ließen sich davon nachhaltig inspirieren. Zu den wichtigsten Vertretern dieser Denkrichtung gehörten Johann Heinrich Pestalozzi und Friedrich Fröbel. Sie hatten sich vor 200 Jahren in den Zeiten der industriellen Revolution und deren tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen der Neuausrichtung von Bildung und Erziehung verschrieben. Das Konzept von Pestalozzi setzte auf ganzheitliche Erziehung, die Kopf, Herz und Hand gleichermaßen berücksichtigt. Sein Credo war, die Pädagogik ausschließlich vom Kind her zu denken. Er betonte, dass Kinder nicht durch Belehrungen, sondern durch eigenes Tun, Erleben und Ausprobieren lernen, und beschrieb das Spiel als zentrales Element dieses Prozesses. Das sah auch Fröbel so, er ging aber weiter und nannte das Spielen die höchste Stufe der kindlichen Entwicklung.
Fröbel entwarf für Kinder ein System von Spielgaben und Beschäftigungsmaterialien für die Förderung der Kreativität, des logischen Denkens und der Feinmotorik. Diese Materialien waren überall erhältlich, verwendet wurden sie auch in der von ihm gegründeten zunächst „Beschäftigungsanstalt“ bezeichneten Einrichtung. Sie benannte er später übrigens in „Kindergarten“ um. Den ersten überhaupt.
Pädagogische Grundpfeiler
Der Einfluss so wichtiger Reformpädagogen wie Pestalozzi oder Fröbel dauert bis heute an. Als im Jahr 1883 und damit 30 Jahre nach Fröbels Tod Otto Maier sein Unternehmen gründete, gehörten die fast schon sprichwörtlichen „Fröbelgaben“ von Anfang an zum Sortiment. Entscheidender war, dass Maier sich Fröbels pädagogischen Prinzipien verpflichtet fühlte. Dessen Ideen spiegeln sich bis heute in der Produktpalette von Ravensburger wider und orientieren sich am Grundpfeiler seiner Pädagogik: der Förderung der Selbsttätigkeit von Kindern.
Von diesen Prinzipien ließen sich auch viele andere deutsche Unternehmen leiten. Es war die Reformpädagogik mit ihrem besonderen Blick auf das Kindeswohl, die den wesentlichen Grundstein dafür gelegt hat, dass sich die Spielwarenbranche hierzulande als Kulturgut verstehen darf. Bei ihr wie auch in der bundesrepublikanischen Gesellschaft ist die Pädagogik in Vergessenheit geraten. Dabei wäre mehr Aufmerksamkeit für sie und ihren unvoreingenommenen Blick auf die Welt der Kinder in diesen Zeiten der digitalen Revolution genauso wichtig wie damals während der industriellen.
