Erfolgreiche Staffelübergabe in Düsseldorf
Im Handel ist der Nachfolgedruck besonders hoch. Die Gründe, warum das so ist und es zunehmend schwieriger für Firmeneigentümer mit der Nachfolge wird, sind vielfältig. In Düsseldorf klappte es dennoch reibungslos mit der innerfamiliären Übernahme. Anlässlich des 30-jährigen Firmenjubiläums von Phantasalto sprach Ulrich Texter mit Stefan Kannegießer, der in stillen Minuten gerne auch mal an seinen alten Nine-to-Five-Job zurückdenkt.

Herr Kannegießer, Phantasalto ist jetzt 30 geworden. Sie haben 2020 das Geschäft von Ihren Eltern übernommen. Dass Kinder das Ruder übernehmen, ist nicht mehr die Regel. Was hat Sie bewogen, diesen Schritt zu tun?
Stefan Kannegießer: Meine Eltern haben mich tatsächlich vor dem gewarnt, was auf mich zukommen würde, wenn man aus einem Angestelltenverhältnis mit geregelten Arbeitszeiten in die Selbstständigkeit wechselt. Ich glaube, ich konnte das damals gar nicht richtig verstehen und begreifen, denn ich habe es tatsächlich ein wenig unterschätzt.
Sie hatten einen Job als Softwareentwickler, bei dem vermutlich mehr raussprang als mit dem Verkauf von Nachziehkrokodilen. Was gab den Ausschlag, dennoch ins Risiko zu gehen?
S.K.: Zwei Dinge. Persönlich sehnte ich mich nach einer Veränderung. Nur im Büro zu sitzen und zu programmieren, was mir zwar Spaß machte, war mir am Ende aber zu wenig. Ich wollte organisieren, etwas bewegen, Entscheidungen treffen und nicht nur ein Rädchen in einem Uhrwerk sein. Der zweite Grund war, dass meine Eltern geäußert hatten, dass sie das Geschäft nur ungern in fremde Hände geben würden, weil viel Kannegießer drinsteckt. Meine Frau und ich haben nach reiflichen Überlegungen dann entschieden, Phantasalto zu übernehmen. Wir wussten, dass es keine einfache Branche ist.
Trotz der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für stationäre Spielwarengeschäft? Die Kosten explodieren gerade; der Online-Handel ist zurück; die Lieferanten vertikalisieren; die Verbraucher sind unberechenbar, die Fachkräfte fehlen, die Bürokratie feiert Urstände. Die Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Das alles schreckte Sie nicht, im Corona-Jahr zu sagen: Ich übernehme!?
S.K.: Die Entscheidung war schon vor Corona gefallen, weshalb es auch 2020 kein Zurück mehr gab. Wir dürfen nicht mehr davon ausgehen, dass der stationäre Spielzeugfachhandel eine Art Grundversorger ist. Das funktioniert einfach nicht mehr. Dafür gibt es zu viel Online-Konkurrenz. Wir brauchen die interessanten, spannenden Artikel, um die Kunden ins Geschäft zu locken, aber das ist sehr viel Arbeit.
Heißt, das Sortiment ist für ein Geschäft wie das Ihrige noch wichtiger als früher?
S.K.: Ja, das glaube ich. Es reicht nicht mehr aus, die Standardartikel zu führen, die oft auch noch eine bescheidene Marge aufweisen. Wichtig ist, zu erkennen, was gerade angesagt ist, oder zu versuchen, einen Trend selber machen.
Ist Ihren Eltern die Übergabe schwergefallen? Sind sie strukturiert, sprich mit einem Fahrplan vorgegangen, um ihr Lebenswerk zu sichern?
S.K.: Meine Mutter hat sich relativ schnell zurückgezogen, als der Entschluss feststand, aufzuhören, und einen klaren Cut gemacht, was auch gut geklappt hat. Mein Vater war noch wesentlich länger bei uns beschäftigt, aber insgesamt haben wir das sehr gut hinbekommen. Das kann ich nicht anders sagen. Vielleicht waren sie auch froh, die Last nicht mehr auf ihren Schultern zu tragen. Zudem hatten wir Unterstützung von der IHK und einem Unternehmensberater, der für den ARS arbeitet. Letztendlich haben wir aber fast alles alleine hinbekommen, weil wir sehr strukturiert vorgegangen sind und uns relativ schnell einigen konnten. Das ist nicht die Regel.
Was sind die Gründe dafür, dass Übernahmen immer schwieriger werden?
S.K.: Nehmen Sie das inhabergeführte Hüüldopp in Krefeld, das vor ein paar Jahren schloss. Die potenziellen Nachfolger sagten alle, das wäre viel zu viel Arbeit. Auch Mous in Meerbusch verabschiedete sich von Spielwaren, weil Fahrräder einfacher zu kaufen wären. Ich glaube also, es wird immer schwieriger, einen Nachfolger zu finden. Derzeit bin ich sogar der Meinung, es meinen Kindern nicht zu empfehlen, sondern ihnen zu sagen, dass sie lieber etwas Vernünftiges lernen sollen. Das heißt jetzt aber nicht, dass mir meine Arbeit keinen Spaß macht. Ich komme gerne hierher.
Wie lange haben Sie gebraucht, um zu sagen: Ja, das fühlt sich richtig an, das ist meine Zukunft!? Und hatten Sie eine Vorbereitungs-, sprich Probezeit?
S.K.: Seit ich 15 war, besaßen meine Eltern das Geschäft. Als Jugendlicher interessiert man sich natürlich nicht sonderlich für so etwas. Mit den eigenen Kindern kam zwar das Interesse für Spielzeug, aber ich verschwendete keinen Gedanken daran, in diese Branche einzusteigen. Das kam erst später. Es gab natürlich eine Übergangsphase ab 2018, in der ich nur noch halbtags in meinem alten Beruf arbeitete. Ich habe da mit offenen Karten bei meinem damaligen Chef gespielt. Diese Vorbereitungsphase, etwa drei Jahre, war vielleicht doch etwas zu kurz.
Gab es weitere Familienmitglieder, die für die Nachfolge in Frage gekommen wären?
S.K.: Ich habe einen Bruder, der ist allerdings Luft- und Raumfahringenieur, lebt mittlerweile in China und leitet dort ein Werk. Der hatte folglich kein Interesse. Meine Frau fing bereits in der Elternzeit an, hier zu arbeiten. Durch sie kam sicherlich auch der Impuls, das Geschäft weiterzuführen. War es eine richtige Entscheidung? Das ist auch ein wenig von der Tagesform abhängig. Manchmal denke ich, hätte ich doch jetzt bloß meinen Nine-to-five-Job wieder.
In der Regel benötigt man etwas „Kleingeld“, um eine Firma zu übernehmen oder zu gründen. Für manchen Spielwarenhändler ist das Geschäft auch eine Art Rentenversicherung. Welche Lösung haben Sie in der Familie gefunden?
S.K.: Einen Kaufvertrag. Die Kaufsumme setzte sich zusammen aus dem Warenwert und einem Wert für die Marke Phantasalto. Die Summe wurde in Raten getilgt. Das haben wir fair ausgehandelt, da waren sich alle Seiten schnell einig. Mit der Unternehmensübergabe haben wir daraus auch eine GmbH gemacht, um die Familie ein wenig abzusichern.
Ein neues Unternehmen zu gründen, ist womöglich reizvoller, als ein bestehendes zu übernehmen, weil man bei einer Neugründung alles nach seinem Willen machen kann. Bei einer Übernahme hat man dafür gleich Kunden und Umsatz. Haben Sie nach der Übernahme das Geschäft neu justiert, um mehr von der neuen Generation, Ihnen und Ihrer Frau, im Geschäft zu haben?
S.K.: Ja, aber behutsam. Im Großen und Ganzen haben wir aber die Linie meiner Eltern fortgeführt, was ja Sinn ergab, denn mit dem Konzept hatte man ja auch 25 Jahre einen gewissen Erfolg. Es gibt immer wieder Bereiche, ob beim Sortiment oder der Mitarbeiterführung, die wir verändern und anpassen, aber das Kernkonzept blieb und bleibt erhalten.
Können Sie uns Beispiele geben?
S.K.: Nach der Übernahme gab es eine gewisse Fluktuation bei den Mitarbeitern. Einige haben aus privaten Gründen aufgehört, andere, weil sie sich verändern wollten. Eine Mitarbeiterin hätte lieber weiter unter meinen Eltern gearbeitet als mit uns. Das hat dazu geführt, dass wir heute sehr viele Mitarbeiter in unserem Alter haben. Der Team-Gedanke ist dadurch jetzt sehr ausgeprägt, alle ziehen an einem Strang. Heute ist es ein sehr kollegiales Arbeiten, was natürlich auch nach hinten losgehen könnte. Beim Sortiment versuchen wir frische Ideen reinzubringen, wo unsere Vorgänger mit ihren Erfahrungen vielleicht ein bisschen vorsichtiger gewesen wären.
Steht man, wenn man das Geschäft von den Eltern übernimmt, unter Druck, weil man beweisen muss, dass man es auch kann? Gerade die ARS-Geschäfte leben von der Persönlichkeit der Inhaber.
S.K.: Meine Eltern waren zu zweit im Geschäft, wir sind es auch, nur sind diesmal die Rollen vertauscht. Meine Mutter zog die Fäden im Hintergrund, trug viel Verantwortung, während mein Vater im Verkauf war, weshalb die Kunden auch dachten, er sei der Chef. Jetzt bin ich der, der im Hintergrund organisiert, und meine Frau ist diejenige, die auf der Fläche agiert, Kunden berät und „verarztet“. So konnte sich bei mir erst gar nicht das Gefühl entwickeln, so wie mein Vater sein zu müssen, auch weil ich wusste, dass ich einfach nicht so bin. Und der radikale Cut hat allen gutgetan. Ich glaube, es gibt andere Modelle oder Geschäfte, wo die ältere Generation immer noch Einfluss nehmen und gute Ratschläge geben wilI. Bei uns wurde nicht reingefunkt, aber alles bestmöglich vorbereitet. Es kann auch so gehen.
Für alles gibt es Gesetze, Regeln, Verordnungen, Bestimmungen in Deutschland. Sind Sie als Selbstständiger inzwischen fit beim Arbeitsrecht, Datenschutz, Wettbewerbs- und Handelsrecht und was es sonst so alles gibt?
S.K.: Vieles kann man sich inzwischen im Internet anlesen, außerdem tauscht man sich mit Kollegen aus, die in bestimmten Themenbereichen Erfahrung haben. Meine Devise ist, dass man nicht immer alles wissen muss, aber stets wissen sollte, wo alles steht. Diese Erkenntnis habe ich aus meinem früheren Job auf das Geschäft übertragen und ein Phantasalto-Wiki aufgebaut, d. h. wenn ich mir irgendwas notiere, erstelle ich eine Wiki-Seite, die ich über Schlagwörter finde. Alles Wissen über Phantasalto ist dort abgelegt, sodass andere theoretisch meine Arbeit fortführen könnten. Wir haben sogar eine Kooperation mit einem Geschäft und einen sogenannten „Notfallkoffer“, d. h., wenn meiner Frau und mir was zustoßen sollte, könnte das andere Geschäft unseres für einen gewissen Zeitraum fortführen – und umgekehrt.
Kommen wir noch zum Markt. Die Umsatzkurve für die ersten fünf Monate 2025 zeigt nach oben. Die letzten drei Jahren ging es in den Keller. Wie sieht es bei Phantasalto aus?
S.K.: In der Corona-Zeit ging es uns nicht schlecht, weil wir Möglichkeiten fanden, trotzdem die Kunden zu bedienen. Der Service hat uns viele Pluspunkte gebracht. Die Situation eines klassischen Stadtteilgeschäfts ist auch eine andere als die eines Innenstadtgeschäfts, das von sehr viel Laufkundschaft und Touristen lebt. Linksrheinisch kennt man uns. Nach der Pandemie gingen auch bei uns die Umsätze zurück, wir versuchen jetzt mit verschiedenen Maßnahmen, wie z. B. dem Jubiläum, dagegenzusteuern. Inzwischen sieht es wieder besser aus, aber es bleibt abzuwarten, wie das Weihnachtsgeschäft wird. Das muss wieder stärker werden.
Düsseldorf ist finanziell gut aufgestellt, die Düsseldorfer mit ihrem Einkommen äußerst zufrieden, wie im Städteranking zu lesen ist. Hilft das nicht?
S.K.: Ja, das ist richtig. Meine Eltern haben sich vor 30 Jahren genau überlegt, wo sie ihr Geschäft aufmachen, und sich dann diesen Stadtteil ausgewählt, wo es sehr kaufkräftige Kunden gibt. Immer wieder tauchen hier, wie wir sie nennen, sogenannte Einsammler auf, d. h. Kunden, die nicht auf den Preis schauen, sondern sagen, das Spielzeug und das nehme ich auch noch. Geld spielt da keine Rolle. Allerdings wird es in Oberkassel auch immer teurer zu wohnen, weshalb nur Familien hierherziehen können, die das entsprechende Geld haben.
Und wenn nicht gerade Jubiläum ist und die Einsammler Pause machen, wie ködern Sie dann Familien mit Nachwuchs?
S.K.: Phantasalto verfügt über eine große Kundenkartei mit E-Mail-Adressen. Die Kunden haben uns die Erlaubnis gegeben, sie per Newsletter anzuschreiben, wenn wir was zu sagen haben. Der Newsletter kommt nicht oft, aber wenn, dann ist er vollgepackt mit vielen neuen Ideen. Darüber freuen sich auch die Kunden. Natürlich ist man aber immer auf der Suche nach passenden Marketinginstrumenten. Persönlich glaube ich, dass die Zeit von Tageszeitungen und Einlegern vorbei ist, allerdings haben wir bei Social Media auch noch nicht den perfekten Weg gefunden.
Ihr Verband, der ARS, hat, heißt es in einer gerade veröffentlichten Pressemitteilung, den, wir zitieren, „onlineshop richtigutesspielzeug.de ins Leben gerufen“, einen händlerübergreifenden Marktplatz. Wie lebt der ins „Leben Gerufene“ denn in Düsseldorf?
S.K.: Vor dem letztjährigen Weihnachtsgeschäft Jahres sind wir dort eingestiegen. Das Gute an der neuen Plattform richtiggutesspielzeug.de ist, dass man sich nicht mehr um Artikel-Fotos und -Beschreibungen kümmern muss. Zu jedem Artikel Bilder und Texte einzupflegen, machte vorher unheimlich viel Mühe. Jetzt haben wir eine bezahlbare Lösung. Zu Weihnachten oder Ostern steigen natürlich die Umsätze. Auch gefragte Artikel werden gerne online gekauft. Natürlich könnte es noch mehr werden, und das wird es auch, wenn mehr Werbung für die Plattform gemacht wird. Dafür braucht es allerdings noch mehr Mitglieder, die sich dem Onlineshop anschließen. Das Feedback von den Kunden ist jedenfalls vielversprechend. Sie nehmen uns als echte Fachhändler mit regionalem Bezug wahr.
Die Branche steckt in einer Umbruchphase. Thalia baut sich ein zweites Standbein auf, duo und idee + spiel machen gemeinsame Sache, Hersteller bauen Stellen ab oder gehen pleite. Wie stellen Sie sich die Zukunft von Phantasalto vor?
S.K.: Wenn wir über Verbände sprechen, ist es meine Überzeugung, dass es wichtiger denn je ist, dass der ARS weiter zusammenhält. Gerade der Austausch, den wir intensivieren wollen, gibt einem unheimlich viel. Die kleineren Fachhändler müssen sich weiter zusammentun und sich gegenseitig unterstützen.
Austausch gibt es auch in Nürnberg und Berlin!
S.K.: Ich bin noch nicht so lange in der Branche, als dass ich beurteilen könnte, wie es in anderen Verbänden läuft. Fest steht, dass der ARS einen gewissen Stil aufweist, die Geschäfte kann man erkennen und unterscheiden. Diese Stärke und der Rückhalt bei den Mitgliedern lassen mich zuversichtlich nach vorne blicken. Für die Zukunft erwarte ich, dass die Menschen weiterhin stationär einkaufen wollen.
Sind Sie sicher?
S.K.: Das sagen die Kunden uns jedenfalls immer wieder, obwohl sie trotzdem viel online kaufen. Ich schließe mich da selber gar nicht aus, wenn ich nur an Elektronikartikel denke. Da gehe ich auch nicht mehr zu Saturn, Media Markt oder den kleinen Händlern. Was die Menschen zu uns bringt, ist das Einkaufserlebnis. Sie wollen nicht nur zu Hause am PC sitzen, sondern schöne Dinge anschauen, ausprobieren, sich beraten und überraschen lassen, um dann glücklich und zufrieden aus dem Geschäft zu gehen. Nur durch Persönlichkeit und das Einkaufserlebnis, das wir den Leuten bieten, können wir noch punkten.
Und was ist das immer wieder gern beschworene Einkaufserlebnis?
S.K.: Wir rollen, wie Jörg Winter sagen würde, den Kunden erst einmal eine Landebahn aus, bedrängen sie nicht gleich, sondern begrüßen sie, nicht nebenbei, sondern bewusst.
Aha, Freundlichkeit bedeutet heute schon Einkaufserlebnis?
S.K.: Nein, Aufmerksamkeit ist ein Aspekt, aber die Summe aus dem, was ich genannt habe, ist das, was ich Einkaufserlebnis nenne.
Herr Kannegießer, wir bedanken uns für
das Gespräch.