Ist die Krise das neue Normal?

2.03.2026

Das Zeitalter der effizienzorientierten Globalisierung scheint am Ende.
Welche Folgen hat das für die Spielwarenbranche?

Symbolbild für globalen handel: Ein Frachtschiff wird beladen

Eine Krise jagt die nächste. Ob Corona- oder Flüchtlingskrise, ob Energie- oder Klimakrise, ob Halbleiter- oder Rohstoffkrise – die Welt erlebt einen tiefgreifenden Strukturwandel und das Comeback von Handelskonflikten als Fortsetzung der Außenpolitik mit anderen Mitteln. Während sich die Welt in den letzten Jahrzehnten zu einem schrankenlosen Marktplatz von „Deal Makern“ entwickeln konnte, die ähnliche Interessen verfolgten, scheinen Lieferketten erneut unter Druck zu geraten – siehe die zwischenzeitlichen chinesischen Exportkontrollen bei Seltenen Erden – und die Welt in rivalisierende Blöcke mit den Hauptakteuren USA und China zu zerfallen, zwischen denen die Hauptkonfliktlinie verläuft. „Wenn die derzeitige Zollpolitik der USA anhält, droht sich die Weltwirtschaft in den kommenden Jahren in rivalisierende Handelsblöcke aufzuspalten“, so Ngozi Okonjo-Iweala, Generaldirektorin der Welthandelsorganisation. Zwar zeigt sich die Simba Dickie Group überzeugt, dass die Lieferketten wieder funktionieren (S. 8), aber die erratische Politik des US-Präsidenten bekam die Gruppe dennoch zu spüren, die sich 2025 nach anderen Produktionsstätten umsehen musste. Der Handelsfilialist Rofu (S. 14) betrachtet die geopolitischen Turbulenzen bereits als das „neue Normal“ und stellt sich mit einem Multi-Sourcing-Ansatz auf die neue Unübersichtlichkeit ein.

Unbestritten ist: Europas Wirtschaft leidet erheblich unter dem neuen Protektionismus. Deutschlands Exporte in die USA gehen zurück; China hat die Vereinigten Staaten in den ersten drei Quartalen 2025 bereits als wichtigsten Handelspartner abgelöst. Der Kopf der Hape-Gruppe, Peter Handstein, seit mehr als 30 Jahren in China aktiv, möchte mittlerweile nicht mehr in der Haut von Europäern stecken (S. 34), obwohl die EU nach wie vor ein wirtschaftliches Schwergewicht ist – auch wenn sich ihre weltwirtschaftliche Bedeutung in den letzten Jahren verringert hat. Der Anteil der EU-Mitgliedstaaten an der globalen Wirtschaftsleistung lag 2024 immerhin noch bei rund 15,8 %. Die EU ist nach eigenen Angaben der weltweit zweitgrößte Händler von Waren nach China. Das zeigt: Die EU ist auf den Außenhandel angewiesen, um den Wohlstand und die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.

Angesichts der tiefgreifenden Veränderungen und tektonischen Verschiebungen ist Europa deshalb darauf angewiesen, neue Partner zu gewinnen, Abhängigkeiten zu verringern und den Handel weiter zu diversifizieren, wie es jetzt mit dem Abschluss des Mercosur-Abkommens gelungen ist. Das sieht man bei der Simba Dickie Group ähnlich. Nennenswertes Wachstum, prognostiziert Florian Sieber, CEO der SDG, wird in Europa kaum noch zu erzielen sein, wofür er u. a. auch die niedrigen Geburtenraten und die Rahmenbedingungen verantwortlich macht. Das dürfte nur die halbe Wahrheit sein. Obwohl Deutschland erstklassig in Forschung und Bildung aufgestellt ist, kommen die eigentlichen Innovationen für marktrelevante Produkte, die für ein gesamtwirtschaftliches Wachstum sorgen, aus den USA oder China. Nicht ohne Grund wähnt Handstein Europa eher am Katzentisch als am Regiepult, wenn es um die technologische Erneuerung der Wirtschaft geht. Zudem ist China vom Außenhandelsmotor zum Konkurrenten für Deutschland geworden.

Wenn wirtschaftliche und militärische Macht am Ende entscheidet, wer das Sagen hat, aber nicht mehr WTO-Regeln, müssen Unternehmen ihre strategischen Entscheidungen auch unter geopolitischen Erwägungen treffen. Ein Beispiel liefert Norddeutschlands größter Spielzeughersteller goki, der pünktlich zur Spielwarenmesse ankündigte, die Verlagerung von Holz- und Textilspielwaren aus China nach Europa angestoßen zu haben, um „nachhaltigere Lieferketten zu schaffen, Transportwege zu verkürzen und die europäische Wertschöpfung weiter zu stärken.“ Ein ähnliches Muster zeigt eine Egon-Zehnder-Studie. Europäische CEOs wenden sich vermehrt ihren Heimatmärkten zu. Europa landete auf dem ersten Platz, danach die USA als Investitionsregion (38 %), gefolgt von Indien (42 %) und Südostasien (38 %).

Die wirtschaftliche Schwäche Deutschlands besitzt auch hausgemachte Gründe. An der Flaute konnte auch die neue Regierung mit ihren bisherigen Reformen wenig ändern. Während sich die Weltwirtschaft 2025 mit einem Plus von rund 3 % relativ stabil präsentierte, liegt Deutschland seit sechs Jahren wie ein angeschlagener Boxer in den Seilen. Für 2025 wird ein Plus beim BIP von 0,1 bis 0,2 % erwartet – ein Nichts; 2026 könnte es dank Sondervermögen auf 0,6 bis 0,8 % hinauslaufen, während die Weltwirtschaft erneut um 3,1 % zulegt. Alle Kernbranchen der deutschen Wirtschaft wie Chemie, Maschinen- und Automobilbau erwarten eine schwache Wachstumsdynamik, der VCI ein Umsatzminus von 2 %. Wie ernst die Lage ist, unterstreicht die DATEV-Umfrage von Dezember 2025. In den vergangenen zwölf Monaten schlossen 2,4 % der mittelständischen Betriebe ihren Betrieb oder verlagerten ihre Aktivitäten ins Ausland – ein Anstieg um 50 % gegenüber dem Vorjahr.

Selbst die stabile Spielwarenbranche kommt nicht mehr aus ihrem Tief heraus. Einzelne Firmenkonjunkturen können darüber nicht hinwegtäuschen, wie man bei Rofu einräumt. Das Weihnachtsgeschäft ließ erneut zu wünschen übrig, der DVSI-Index rutschte auf ein historisches Tief. Die Mitglieder des Verbandes rechnen für 2026 jedenfalls mit Umsatzrückgängen. Neue Nahrung für die Skeptiker dürfte Ende letzten Jahres eine Studie der Stiftung für Zukunftsfragen geben. Rund 80 Prozent der Bevölkerung rechnen für 2026 mit einer wirtschaftlichen Verschlechterung. Vielleicht kommt alles auch ganz anders. Deutschland verfügt nach wie vor über einige Stärken. Wer hätte etwa damit gerechnet, dass 2025 ein Rekordjahr für Startup-Neugründungen war? Dass die Börsen sich unbeeindruckt von Trump zeigen? 50 % der Wirtschaft ist Psychologie, glaubte ein Fürther Wirtschaftsminister. Ohne Reformen und eine Neuorientierung wird es sicherlich auch nicht gehen. Das gilt selbst für die Spielwarenbranche, die ihr Sourcing auf globalen Märkten anhand neuer Entscheidungskriterien feinjustieren muss.