Moderne Alleskönner?
Unterschätzt und oft unsichtbar, herausgefordert und immer wieder mal totgesagt ist der Großhandel ein wahres Chamäleon, das aus der Lieferkette nicht wegzudenken ist. Wie macht er das nur?
Noch nie wurde so viel gestorben wie heute. Das Sterben macht inzwischen vor nichts mehr halt. Die Innenstädte sterben im Akkord; Läden und Restaurants liegen auf der Intensivstation; von der Wahrheit wollen wir erst gar nicht sprechen. Nicht nur Deutschlands Vorzeigebranchen Autoindustrie, Maschinenbau und Chemie ringen um ihre Zukunft, was ein Düsseldorfer Wirtschaftsblatt zur Schlagzeile animierte: „Die Industrie stirbt“. Auch der Großhandel kämpft ums Überleben, wenn man dem Bundesverband des Groß- und Außenhandels Glauben schenken kann. Die wirtschaftliche Situation des deutschen Großhandels sei jedenfalls dramatisch, so der BGA melodramatisch auf der Jahrespressekonferenz im Januar, die Branche in einer tiefen strukturellen Krise, so der Verband im Mai. Der BGA-Klimaindikator erreichte 2025 mit 70,6 Punkten ein Niveau wie zu Coronazeiten. Der Klimaindikator des Großhandels bildet die Stimmungslage aus tatsächlicher Geschäftslage und Geschäftserwartung ab.
Seit Beginn der Rezession im Jahr 2023 sind über 2.000 Großhandelsunternehmen verloren gegangen; in den vorigen zwölf Monaten 25.000 Arbeitsplätze. Entsprechend fiel die BGA-Prognose von Plus 0,7 % für 2026 eher düster aus. Besonders der Konsumgütergroßhandel, der als stabilisierendes Element der Binnenkonjunktur gewirkt hatte, gerät zunehmend unter Druck. Das bekommen auch die beiden Big Player im Großhandelsgeschäft mit Spielwaren, die VEDES und die Iden-Gruppe, zu spüren. In Berlin blickt man auf eine schwarze Null zurück und denkt über neue Geschäftsmodelle nach; in Nürnberg ging der Großhandelsumsatz sowohl bei den Fachhandels- als auch den Online-Kunden zurück. Die Erwartungen der VEDES beim Konzernumsatz liegen wie vor einem Jahr in der Bandbreite von 135 Mio. Euro bis 145 Mio. Euro – wirtschaftliche Dynamik sieht anders aus.
Die Umsätze entwickeln sich rückläufig, neue Beschaffungs- und Absatzmärkte sind nicht in Sicht. Daran ist nicht zu rütteln. Schon vor Jahren prophezeiten Experten dem Großhandel, dass er das nächste Opfer des E-Commerce sein wird. Als Amazon 2016 mit Online-Shops für Geschäftskunden loslegte, hieß es, das würde den Markt verändern. So hart kam es nicht. Der Großhandel ist nach wie vor ein Schwergewicht und das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. So erzielt der stark mittelständisch geprägte deutsche Groß- und Außenhandel einen Umsatz von rund 1,8 Bio. Euro. Die Zahl der Beschäftigten liegt bei 1,9 Mio. Das unterstreicht, dass der Großhandel noch ein unverzichtbares Bindeglied zwischen Herstellern/Lieferanten und Einzelhandel/Handwerk und eine der tragenden Säulen der Volkswirtschaft zu sein scheint.
Dem Großhandel geht es dennoch nicht wirklich gut. Das hat womöglich nicht nur konjunkturelle Gründe. Bei der Toynamics GmbH in Mücke, die zur Hape Unternehmensgruppe gehört und mit 13 Marken auf dem europäischen Markt agiert, nimmt man die Dinge lieber selbst in die Hand. „Der Großhandel“, sagt Geschäftsführer Dennis Gies, „spielt für unseren Vertrieb heute keine besonders große Rolle mehr. In der Vergangenheit war seine Bedeutung deutlich höher. In einem zunehmend wettbewerbsintensiven Markt versuchen jedoch immer mehr Händler und Marken, zusätzliche Handelsstufen zu vermeiden und direkter zusammenzuarbeiten.“ Auch Julia Graeber, Vorstandsvorsitzende der VEDES, sieht eine Tendenz „Richtung Direktverkauf“ (S.9). Bei Schmidt Spiele hingegen ist die Welt noch in Ordnung. „Die Qualität der Leistungen hat in den vergangenen Jahren klar zugenommen“, sagt Schmidt-Chef Axel Kaldenhoven, „und damit auch die Bedeutung und die Rolle, die dem Großhandel zukommt. Er hat sich vom klassischen Warenverteiler zu einem leistungsfähigen Service- und Vertriebspartner entwickelt.“
Warum diese diametral entgegengesetzten Positionen? Zählt Logistikkompetenz neuerdings zur Kernkompetenz eines Herstellers, oder ist die Auslagerung von Lagerhaltung, Kommissionierung und Transport am Ende nicht doch besser in anderen Händen aufgehoben? Toynamics hat darauf eine Antwort gefunden. Viele klassische Leistungen wie Logistik und Auftragsabwicklung, so der Toynamics CEO, habe man in den vergangenen Jahren selbst aufgebaut, denn Prozesskosten entlang der Supply Chain würden in dem einen wie anderen Fall entstehen – weshalb man lieber auf den effizienteren Direktvertrieb setzt, der selbst kleinere Bestellmengen wirtschaftlich abwickeln kann. So die reine Lehre. Dennis Gies räumt aber ein, dass der Großhandel durchaus einen Mehrwert bieten kann, wenn er im Handel für Systemlösungen sorgt, ihn bei der Sortimentsgestaltung unterstützt und unterschiedliche Marken und Sortimente bündelt. Und wenn es dem Erreichen der eigenen Ziele dient, scheuen die Hessen auch nicht die Zusammenarbeit mit dem „klassischen Warenverteiler“. International ist man nämlich in zahlreichen Ländern mit Distributoren unterwegs, die den Markt genau kennen. Das spart Zeit und Geld.
Die Bedeutung für das Funktionieren der deutschen Wirtschaft wird jedenfalls oft unterschätzt. Das glaubt Ilja Iden, Geschäftsführer des Iden Logistikzentrums in Golßen. Die Iden-Gruppe arbeite eher im Stillen, weshalb man den Berliner Systemdienstleister auch kaum kenne, aber de facto sei er omnipräsent. Auch Julia Graeber glaubt, dass es ohne den Großhandel im Spielwarenmarkt nicht geht. Eine aktuelle IW-Studie für den BGA zur volkswirtschaftlichen Bedeutung des Großhandels in Deutschland dürfte Wasser auf ihre Mühlen sein. 89,5 % der befragten Unternehmen bewerten die warenbezogene Funktion und 86,4 % die Logistikfunktion des Großhandels als wichtig oder sehr wichtig. Darüber hinaus liefert der Großhandel Vorleistungen im Wert von rund 1.283 Mrd. Euro an andere Unternehmen; zugleich übernimmt er Forderungen aus Lieferungen und Leistungen von rund 106,7 Mrd. Euro. Die Studie ist Ende Juni erschienen.
Was sich verändert hat, ist der Großhandel selbst. Zwar steht die Logistik weiterhin im Zentrum des strukturellen Wandels und das Lager ist das Herz des „Raum- und Zeitüberbrückers“, aber die Herausforderungen für den Großhandel gehen über ein Just-in-time hinaus. Und Produkte zu verkaufen sowie den Kunden das wirtschaftliche Risiko und die Kapitalbindung abzunehmen, reicht auch nicht mehr aus, um im Spiel zu bleiben. Die Kunden wollen Komplettlösungen. Gleichzeitig nimmt das Tempo zu, mit dem der Großhandel seinen Produktmix an die Nachfrage der Kunden angleichen muss. In den vorigen zwei Jahrzehnten hat er sich vom Palettenschieber zum modernen Distributions-Dienstleister entwickelt, der Daten managt, Sortimente bündelt und kuratiert, Beratung und Marketing bietet sowie Eigenmarken auflegt. Das sieht man in Nürnberg wie Berlin so. Bei Iden spricht man von sich bereits als einer Digitalschmiede mit angeschlossenem Warenhaus.
Nichts ist so beständig wie der Wandel – eine Binse. Was einst noch als Wettbewerbsvorteil galt, kann sich im Laufe der Jahre auch schon mal zum Nachteil entwickeln. Die Hildesheimer Einkaufs- und Marketingkooperation idee + spiel, 1977 gegründet, kann ein Lied davon singen. Über Jahrzehnte hinweg war die Verbundgruppe stolz darauf, ihren eigenen Weg zu gehen, sieht man einmal von dem gescheiterten Projekt der Toy Alliance ab. Heute scheint der nach eigenen Angaben einst weltweit mitglieder- und umsatzstärkste Zusammenschluss unabhängiger Spielwaren-Einzelhändler eher froh zu sein, mit duo schreib & spiel einen Partner gefunden zu haben, der einen Großhandel im Rücken hat. Totgesagte leben wohl doch länger. Mitunter haben sie sogar noch was zu bieten. ut
