Wir stehen für Besonderheiten
Der Zoch Verlag ist für seine ungewöhnlichen Spiele immer wieder ausgezeichnet worden. Seit geraumer Zeit ist es allerdings am Bratwurmeck um Nobilitierungen etwas
ruhiger geworden. Ulrich Texter wollte von Zoch-Urgestein Walter Scholz wissen, was da los ist.
Von Ulrich Texter
Herr Scholz, Games & Puzzles legten bis Ende August zweistellig zu. Hitster und Pokémon sei Dank. Wie schlagen sich Zoch und Noris trotz dieses Hypes und welche Erwartungen hegen Sie ans 2025?
Walter Scholz: Zoch- und Noris-Spiele laufen gut. Bei Noris ist – nicht nur – „Das Gegenteilspiel“, als Karten- und auch als Brettspiel, ein echter Renner. Auch die neuen Brain-Teaser wie IQ Track sind super angelaufen. Bei Zoch erreicht vor allem Spinderella inzwischen eine Beliebtheit, die an unsere Bestseller wie Zicke Zacke Hühnerkacke heranreicht. Mit neueren Kinderspielen wie dem originellen Beethupferl und „Das Kleinhorn vom Riesenwald“, das von einem Kind – Emma Schwer – mit erfunden wurde, sind wir auch erfreulich mit dabei.
Noris-Spiele steht für vielseitige und moderne Spiele, der Zoch Verlag, den Noris vor 15 Jahren übernommen hatte, für Autorenspiele. Was sind die Stärken der Marken?
W.S.: Noris bringt Breite ins Sortiment. Da ist so viel geboten, dass alle das ganze Jahr Noris-Spiele spielen könnten. Eine Megastärke von Noris ist es, immer ganz genau dort für beste Unterhaltung zu sorgen, wo sich das virale Nervensystem des Marktes gerade richtig wohlfühlt. Es gab doch auch nie eine genialere Escape-Room-Reihe als die mit dem Original-Schlüssel-Decoder – da tickt sogar die Echtzeit beim Knobeln mit! Die Stärke von Zoch bleibt das Besondere für viele. Was hat Zoch mit tollen Autoren nicht schon alles „erfunden“: Hühner, die sich gegenseitig rupfen, und Würmer, die aus der Erde blinzeln. Aber auch Spielpläne, die sich unter den Figuren wegfalten und Fässer, mit denen man würfelt; Pflanzen, die sich, wenn man sie gießt, aus dem Erdboden drehen; „Hamsterrollen“, die jeden Leichtsinn mit Schwerkraft beantworten. In Essen und danach geht es so weiter.
Zahlreiche Zoch-Spiele wurden ausgezeichnet. Manche sind zu Klassikern geworden. Seit dem Kinderspiel Spinderella 2015 ist es allerdings etwas ruhig um Zoch geworden. Ist da womöglich der Wurm drin?
W.S.: Nein. Klar, es kann nicht alles ausgezeichnet werden, was ausgezeichnet ist. Aber auch in Zeiten, in denen es vielleicht den ganz schnellen Erfolg verspricht, sich die eigenen Lorbeeren mit dem x-ten „Kinderspiel zum bereits erfolgreichen Hauptspiel“ weiter vergolden zu lassen, bleiben wir innovativ und einzigartig. Das ist ein Versprechen, das Zoch nie brechen wird.
Und wie halten Sie es ein?
W.S.: Mit tollen Autoren führen wir beständig unser redaktionelles „Ping Pong der ungewöhnlichen Ideen“ durch, wie es unsere Verlagsgründer Zoch und Werstein so einzigartig begonnen und tief in allen redaktionellen Zoch-Genen verwurzelt haben. Und es läuft nie auf Altbewährtes, sondern immer auf erstaunlich „Neu-Geschaffenes“ hinaus. Wenn die Scheinwerfer dort strahlen, wo sich die Meinungen und Märkte schon niedergelassen haben, dann bleiben wir die Ausnahme. Wir wollen keine Operationen an Expertenherzen durchführen, sondern direkt im Herz von Millionen Kindern, Familien und auch spielaffinen Freunden landen. Unsere Pipeline ist voll – und ob dann irgendwann auch bei uns mal wieder ausgezeichnet wird, was ausgezeichnet ist, darauf spekulieren wir nicht.
Jeder Verlag träumt von Eversellern, während sich Neuheiten oft schwer tun. Die Flut an Neuheiten ist gewaltig. Was tragen Klassiker wie Zicke Zacke, Heck Meck oder Crossboule, um einige zu nennen, zum Umsatz bei?
W.S.: Natürlich sind vor allem unsere „Hühnerlinie“ und die „Würmerwelt“ ein echtes Markenzeichen von Zoch, die sich durch jahrzehntelange Bekanntheit und besondere Material- und Spielqualität auszeichnen – egal ob der Titel dann „Zicke Zacke“, „Heckmeck“ oder „Das wurmt“ lautet. Crossboule wird 2026 auch schon 15 Jahre alt und hat nie aufgehört, sein In- und Outdoor-Scherflein zum Umsatz beizutragen. Die Geistesblitz-Serie von Jacques Zeimet ist noch zu nennen. Neuheiten, das stimmt, rennen erstmal hinterher und setzen sich nur selten durch. Was den Umsatz in unserem Sortiment betrifft, so hält sich Etabliertes in Vergleich zu Neuem in etwa die Waage. Newcomer unter den Autoren sollten sich nie entmutigen lassen. Für eine richtig ungewöhnliche Spielidee legen wir uns redaktionell und auch beim Materialeinkauf finanziell ganz schön krumm.
Kooperative Spiele liegen im Trend, heißt es. Das tun sie seit den 80er-Jahren, mit kleinen Aufs und Abs, wenn wir nur an die Pandemie vor fünf Jahren denken. Was ist also wirklich trendy, was trudelt an Vorschlägen ein?
W.S.: Sie beschreiben die Situation sehr gut. Es trudeln viele Vorschläge an Spielen ein, die vermeintlich trendy sind. Bei uns steht aber immer die Spielidee an erster Stelle. Und wir starten lieber Neues, das ist spannender.
Die Branche will jeden kriegen: mit Ein-Personen-, Party-, Quiz-, Testimonial- und Nerd-Spielen. Gerade bei Kinderspielen prägen attraktive Preispunkte den Markt. Wie sieht sich Zoch in diesem Wimmelbild?
P.S.: Ich denke, wir „kriegen“ nur die, die unsere Besonderheiten mögen. Wir holen die Leute schon meist dort ab, wo der Zugang zum Spiel „geistesblitz-einfach“ ist, aber wer ein Zoch-Spiel wählt, will Schwerkraft, die einem Streiche spielt, Figuren, die andere Figuren von oben wegschnappen, drehbare Spielpläne mit Magneten drunter, faltbare Stoffspielpläne, Schiffe, von denen die Planken abrutschen – eben Erlebnisse, die „man jetzt so auch noch nicht gespielt hat“. Unsere Positionierung ergibt sich aus der besonderen Mischung unserer Originalität und daraus, dass jedes Kind einen seelischen Höhenflug durchlebt, wenn es ein Wurm aus der Erde angrinst.
Derzeit geht die regelbasierte Ordnung, wie wir sie kannten, in die Binsen. Spiele sind wiederum ein Abbild gesellschaftlicher Entwicklungen. Ist das an den Einsendungen von Spielvorschlägen zu spüren? Mehr kompetitive statt kooperativer Spiele?
W.S.: Die Realität bleibt sehr bunt und vielleicht noch unübersichtlicher. Bei Tausenden jährlichen Neuheiten ist sicher der „kreative Druck“ unter den Autoren recht hoch – viele wollen „das Besondere“ zeigen. Das ist spannend, aber nicht ausschlaggebend. Jeder Autor sollte seiner eigenen Vision folgen und seiner Ideenwelt den eigenen freien Raum bewahren. Individualismus und die „Freiheit der verrückten Gedanken“ bleiben auch weiterhin die Hefe im Spieleteig. Gesellschaftliche Orientierung an Ordnungsprinzipien verschafft sicher Halt, aber die „spielerischen Entwürfe“ folgen doch eigentlich mehr dem Augenzwinkern der eigenen Fantasie – sowohl kooperativ als auch kompetitiv.
Ende Oktober öffnet die weltgrößte Brettspielmesse ihre Türen. Ist Essen für Sie nur ein Mekka der Community, um Kontakte zu knüpfen, oder auch eine Businessmesse?
W.S.: Ich habe einige „meiner ersten Essener Messen“ als Spielerklärer für Zoch erlebt. Ich liebe die Atmosphäre und die vielen Menschen mit ihren ganz verschiedenen Neigungen. Es ist toll, zu sehen, wer da wieder was erfunden und publiziert hat. Ganz sicher ist Essen das Mekka für Spieler. Und zugleich ist es ein Abenteuerurlaub für „ganz normale“ Familien, was nicht so oft erwähnt wird. Für mich persönlich finden dort Kontakte statt, die ich gar nicht so sehr den Communities oder dem Business zuordne, sondern einfach nur dem pulsierenden Leben. Da wird das Hobby zur Leidenschaft, ob beruflich oder privat. Essen ist Kult. Geld und Business treiben das sicher auch an. Aber noch mehr etwas anderes: die Sehnsucht, verspielt sein zu dürfen.
Und mit welchen Neuheiten reisen Sie in den Pott?
W.S.: Fürs spielaffine Essener Publikum haben wir „Über den Wolken“ im Gepäck. Da positionieren wir Zugvögel auf besonders guten Flugplätzen und die beliebten Aktionen werden immer teurer. Sollte beim Thema jemand an ein sehr erfolgreiches Kennerspiel denken, so sei gesagt, dass wir davon im gesamten Spielablauf dann doch einen gehörigen Flügelschlag entfernt sind. Käpt’n Memo ist ein von Tobias Tesar unglaublich schlau ausgedachtes mobiles Memo-Spiel, bei dem wir uns vereint in einem Schiff unsere Schatzrouten durch den Memorischen Ozean bahnen. Die dritte Neuheit bleibt – alte Zoch-Tradition – bis Essen geheim. Verraten sei nur so viel: Was sich der gewitzte Carlo Rossi diesmal ausgedacht hat, hat man in noch keinem Spiel bisher gesehen.
Herr Scholz, wir bedanken uns für das Gespräch.
